Umwelt, Artensterben und Klimawandel

Schlecht gerüstet für den Klimawandel

Dass der Klimawandel keine ferne Gefahr ist, lässt sich in Italien, einem der liebsten Reiseländer der Deutschen, derzeit beobachten: Ausgetrocknete Flüsse, bedrohte Ernten und Wasserrationierungen sind im Norden des Urlaubslands derzeit an der Tagesordnung.

Ferrara, Italien (AFP) – Dass der Klimawandel keine ferne Gefahr ist, lässt sich in Italien, einem der liebsten Reiseländer der Deutschen, derzeit beobachten: Ausgetrocknete Flüsse, bedrohte Ernten und Wasserrationierungen sind im Norden des Urlaubslands derzeit an der Tagesordnung. Es herrscht eine beispiellose Trockenheit, die Ausnahmesituation hängt mit der Erderwärmung zusammen. Eine veraltete Infrastruktur und zu wenig Investitionen in die Wasserwirtschaft verschärfen das Problem.

„Ich habe noch nie eine so lange Trockenheit erlebt“, sagt Gianluigi Tacchini, Reisbauer in dem Örtchen Santa Cristina e Bissone, rund 40 Kilometer südlich von Mailand. „Wenn das Wasserproblem weiter anhält, droht mir ein hundertprozentiger Ernteausfall.“

Nach Angaben des Landwirts hatte sich die Krise schon im Winter angebahnt. Es fehlte an Schnee auf den Bergen und Wasser in den Seen. Tacchini halbierte daher seine Reis-Anbaufläche und pflanzte stattdessen Sonnenblumen, die nicht so viel Wasser brauchen. Aber die Wassereinspeisung aus dem Comer See sei schon um drei Viertel verringert worden – und sie drohe ganz wegzufallen, wenn der Wasserstand weiter falle.

Im Po-Delta zwischen Venedig und San Marino fließt derzeit so wenig Wasser, dass das Meerwasser aus der Adria bis zu 30 Kilometer weit ins Landesinnere strömt – ein Rekord. Der Wasserstand des Po liegt sieben Meter unter seinem üblichen Niveau.

Seit Mai leidet Italien unter der ungewöhnlich frühen Hitzewelle. Es gibt deutlich zu wenige Niederschläge, die sonst so fruchtbare Po-Ebene leidet unter ihrer schwersten Dürre seit 70 Jahren.

Die Regierung in Rom verhängte am Montag für fünf Regionen den Notstand: Emilia-Romagna, Lombardei, Friaul-Julisch Venetien, Venetien und das Piemont. Außerdem gab die italienische Regierung 36,5 Millionen an Nothilfen frei.

Doch mit Geld allein ist es nicht getan. Die 250.000-Einwohner-Stadt Verona hat den Trinkwasserverbrauch rationiert, Städte wie Mailand haben zumindest ihre dekorativen Brunnen abgeschaltet.

Die Hitze verursacht riesige wirtschaftliche Probleme. Nach Angaben des Bauernverbandes Coldiretti sind mehr als 30 Prozent der landesweiten landwirtschaftlichen Produktion und die Hälfte des Viehbestandes in der Po-Ebene bedroht, wo unter anderem der berühmte Parma-Schinken hergestellt wird.

Der Hydrologe Francesco Cioffi von der Universität La Sapienza in Rom sagt, von Januar bis Mai sei landesweit 44 Prozent weniger Niederschlag gefallen als normalerweise. Das habe es seit den 50er Jahren nicht mehr gegeben.

Die Dürre-Krise kann laut Cioffi aber nicht einfach als höhere Gewalt abgetan werden. „Das Fehlen einer wirksamen Politik zur Wasserressourcennutzung in den vergangenen Jahren“ verschlimmere die Krise. Italien brauche nun „einen außergewöhnlichen Plan zur Modernisierung des Wassersystems und zur Fortentwicklung der Instrumente zur Vorhersage“, sagt der Experte.

Das gilt umso mehr, als die Trockenheit nicht nur Landwirtschaft und Tourismus, sondern auch Italiens Energieversorgung beeinträchtigt. Die Stromerzeugung mit Wasserkraft, die eigentlich knapp ein Fünftel von Italiens Energiebedarf deckt, ist schon deutlich eingebrochen.

Nach den Angaben der nationalen Statistikbehörde Istat von 2020 verliert Italien jährlich 36 Prozent seiner Wasserreserven wegen seiner veralteten Kanalisation und Speicherbecken. Mancherorts ist dieser Anteil deutlich höher: In der Adria-Stadt Chieti in den Abruzzen etwa beträgt er laut Istat sogar gut 70 Prozent.

Nach Einschätzung Cioffis stellt der Staat einfach nicht genug Geld für die Modernisierungen der Wasserleitungen zur Verfügung. „Man hätte früher und besser investieren müssen, um das nationale Territorium und das wirtschaftliche und soziale System des Landes weniger anfällig für solche Ereignisse zu machen“, kritisiert der Wasser-Experte. Spätestens jetzt muss aus seiner Sicht viel Geld in eine bessere Wasseraufbereitung, die stärkere Nutzung von Regenwasser und effizientere Bewässerungssysteme investiert werden.

Von Andrea PATTARO und Clément MELKI

yb/ju

© Agence France-Presse

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